Ein Teller Erbsensuppe, ein Teller Pelmeni, also die typisch russischen, mit Hackfleisch gefüllten Teigtaschen, ein Stück Graubrot und ein Glas schwarzer Tee – das ist das Menü an diesem Montag. Vorsichtig balanciert Albina Wassiljewna das Tablett zu ihrem Tisch. Oleg erwartet sie bereits. Er hilft ihr, nimmt die Teller entgegen und stellt sie an Albinas Platz.
„Fast noch wichtiger sind die Gespräche“ Die 76-jährige Albina kommt von Montag bis Freitag jeden Tag in die Suppenküche an der Mosfilmowskaja uliza. Als vor wenigen Jahren ihr Mann starb, war sie plötzlich ganz allein in der großen Stadt. Obwohl bereits seit Jahrzehnten in Moskau, merkte die aus Odessa zugezogene Frau damals, dass sie nie richtig heimisch geworden war.
„In die Suppenküche komme ich nicht nur wegen des Essens“, plaudert sie unbefangen drauflos. „Fast noch wichtiger als das Essen sind mir meine Bekannten hier, die Gespräche, der Kontakt. Zuhause würde mir die Decke auf den Kopf fallen“, sagt Albina, die ein abgewetztes, viel zu großes Sakko trägt.
Evelyn Müller von der Charity Group der Deutschen Botschaft eilt derweil hin und her zwischen Essensausgabe und Tischen. Sie bringt Gästen ihr Essen an den Tisch, denn einige sind noch älter und gebrechlicher als Albina. Sie können das Tablett nicht mehr selbst tragen.
Unternehmen spenden Geld und Sachgüter „Bis zu 200 Essen verteilen wir an jedem Werktag“, erklärt die energische, dunkelhaarige Frau im Vorbeilaufen. „Einige Gäste essen hier. Andere schicken ihre Verwandten, die holen dann für die alten und vielleicht kranken Menschen das Essen ab“, sagt Müller mit einem Lächeln. Neben Arbeit und Interview findet sie immer noch Zeit für ein freundliches Wort zu einem der alten Gäste oder ein ermutigendes Schulterklopfen.
Die Zubereitung jeder einzelnen Mahlzeit in der Suppenküche kostet 50 Rubel – zum derzeitigen Kurs rund 1,35 Euro. Damit die alten Menschen in der Suppenküche gratis essen können, müssen sie sich bei den städtischen Behörden registrieren lassen. Sie erhalten dann Coupons, die sie in der Sozialeinrichtung vorlegen. Anschließend erhalten sie ihre warme Mahlzeit.
Die Suppenküche finanziert sich vor allem durch Spenden. Die International Women Community, eine Gruppe von Diplomaten-Frauen aus aller Welt, steuert zu jeder Einzelmahlzeit Lebensmittel im Wert von 22 Rubeln bei.
Spenden sind dringend nötig „Auch auf dem Weihnachtsbasar der Deutschen Botschaft sammeln wir jedes Jahr Geld für soziale Projekte“, erzählt Müller. Beim letzten Basar kamen insgesamt 60.000 Euro zusammen – ein Teil davon ging an die Suppenküche.
Zu den Spendern gehörten die deutschen Unternehmen BASF, Siemens oder die Deutsche Leasing. Aber auch zu US-amerikanischen Unternehmen konnte Müller – sie besitzt den amerikanischen Pass –gute Beziehungen aufbauen: Der Kaugummi- und Süßwaren-Produzent Wrigley’s gehört jetzt zu den Unterstützern der Botschafts-Sozialprojekte.
2.700 Euro – so hoch fiel die größte Unternehmensspende zum Weihnachtsbasar aus – mag manchem Betrachter sehr wenig erscheinen im Vergleich zu den Millionen-Umsätzen und -Gewinnen, die die Konzerne in Russland machen. Doch der viel gereisten Diplomaten-Gattin Müller würde eine solche Aussage wohl nie über die Lippen kommen. Für den guten Zweck ist jede Hilfe wichtig und willkommen.
Essenspakete im Hungry Duck Dankbar ist Müller auch für Sachspenden: Seit Kurzem bekommt die Suppenküche von der Metro Group einmal pro Woche Brot, Obst und Gemüse. Und jeden Monat stellt der niederländische Joghurt-Produzent Campina eine Palette Joghurt zur Verfügung – das sind satte 500 Kilogramm.
Im Keller unter der Suppenküche hat die Moscow Protestant Chaplaincy, eine US-amerikanische kirchliche Einrichtung, mit der Müller zusammenarbeitet, eine Kleiderkammer eingerichtet: Wer will, kann hier aussortierte, noch tragbare Kleidung abgeben. Aber auch kleinere Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände können nach Absprache vorbeigebracht werden. Reverend Robert Bronkema und seine Helfer geben die privaten Sachspenden an Bedürftige weiter.
Auch dank der Spenden konnte die Suppenküche an der Mosfilmowskaja uliza mittlerweile in die Moskauer City expandieren. Eine Filiale der Sozialeinrichtung befindet sich in dem Gebäude, wo vorher das berüchtigte Lokal „Hungry Duck“ beheimatet war, einer der ersten Night Clubs der russischen Hauptstadt. Wo vor Kurzem noch Tänzerinnen, Tänzer und auch Gäste freimütig blank zogen, holen nun mittellose Mütter mit Kindern einmal im Monat Essenspackete ab.
|